Warum ist eine Aufarbeitung der Unternehmensgeschichte im Nationalsozialismus sinnvoll?

Eine wissenschaftliche Aufarbeitung der Unternehmensgeschichte im Nationalsozialismus hilft zu verstehen, ob und wie Unternehmen in die politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Strukturen der NS-Zeit eingebunden waren – und welche Verantwortung daraus heute erwächst.

Auch wenn die NS-Zeit mittlerweile mehr als 80 Jahre zurückliegt und die damaligen Akteur:innen längst verstorben sind, bleibt diese Zeit Teil der Geschichte von Traditions- und Familienunternehmen. Ein verantwortungsbewusster Umgang damit in der Gegenwart kann ohne eine fundierte, gesicherte Kenntnis der Unternehmensgeschichte nicht erfolgen: Nur wer seine Geschichte gut und auf Basis verlässlicher Quellen und Forschung kennt, kann transparent und glaubwürdig ein Unternehmen vertreten.

Ob Familienunternehmen, Mittelständler oder Dax-Konzern: Das Interesse der Mitarbeitenden an der Geschichte des Unternehmens und vor allem an dessen Rolle in der NS-Zeit ist erfahrungsgemäß sehr groß, professionelle Aufarbeitungsprozesse werden oft ausdrücklich begrüßt. Indem Unternehmen sich transparent ihrer Geschichte stellen und eine Erinnerungskultur im Betrieb etablieren, stärken sie nicht nur die Bindung der Mitarbeitenden, sondern leisten gleichzeitig einen wichtigen Beitrag für mehr Offenheit und Vielfalt und eine damit verbundene Stärkung demokratischer Werte.

Eine Aufarbeitung der Unternehmensgeschichte im Nationalsozialismus ist also kein „Nice to have“: Sie kann spürbare Auswirkungen auf die Reputation eines Unternehmens haben – vor allem, wenn sie ausbleibt. Diese drei Aspekte spielen dabei eine besonders große Rolle:

Grafische Übersicht über die Gründe zur Aufarbeitung
© GUG eV

Welche Erfahrung hat die GUG mit der Aufarbeitung der NS-Geschichte von Unternehmen?

Bis Mitte der 1980er Jahre wurde über die Vergangenheit einzelner Unternehmen während der Zeit des Nationalsozialismus kaum öffentlich gesprochen und noch weniger geschrieben. Das änderte sich mit den ersten großen wissenschaftlichen Studien zu diesem Thema, etwa von Peter Hayes zur NS-Geschichte der IG Farbenindustrie AG (erschienen 1987) oder von Hans Mommsen und Manfred Grieger zum Volkswagenwerk im Dritten Reich (1996).

Diesen Prozess der Aufarbeitung begleitete und förderte die GUG von Anfang eng: Bereits 1997 brachte sie in einem viel beachteten Symposium Forschende im ehemaligen Sitz der IG Farbenindustrie AG in Frankfurt zusammen, um dort erste Ergebnisse und methodische Fragen bei der Erforschung der Rolle von Unternehmen im Nationalsozialismus zu diskutieren. Wenige Wochen zuvor waren herrenlose (jüdische) Konten in der Schweiz entdeckt worden, was die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit mit großer Vehemenz auf das Thema Nationalsozialismus lenkte. Der sogenannte NS-Boom der unternehmenshistorischen Forschung folgte, in dessen Zuge Archive aufgebaut, geöffnet und zahlreiche Akten gehoben wurden.

Auch die GUG hat seither die Geschichte zahlreicher Unternehmen während der Zeit des Nationalsozialismus untersucht und dabei eine umfassende Expertise im Bereich Recherche und Forschung aufgebaut.

Eine Übersicht unserer Studien zur NS-Geschichte finden Sie hier:
Studien zur NS-Unternehmensgeschichte

Sammlung Buchcover NS-Studien

Welche Themen werden üblicherweise im Zuge einer NS-Studie untersucht?

Zentrale Forschungsfragen, denen die Forscher:innen der GUG bei NS-Projekten immer nachgehen, sind Fragen nach:

  • Der politischen Orientierung: Welche Haltung nahmen die Akteure in den Unternehmen zum NS-System ein?
  • Der Haltung gegenüber Juden in Bezug auf die Teilhabe an der Verdrängung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben, durch Ausschluss von Juden aus dem Unternehmen oder durch [AS4.1]„Arisierungen“, also den Erwerb von Unternehmen oder Immobilien und anderen Werten aus jüdischem Eigentum
  • Einsatz, Art und Ausmaß von Zwangsarbeit
  • Profite durch Teilhabe an der NS-Kriegswirtschaft und der Ausbeutung von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern


Je nach Projekt und Branche können weitere Fragen hinzukommen, etwa nach dem Übergang in die Nachkriegszeit (und möglichen personellen Kontinuitäten) oder nach der Involvierung in die Rüstungsindustrie.
Bei der Analyse wird untersucht, welche Handlungsspielräume ein Unternehmen hatte und welche Widersprüche und Komplexitäten sich je nach Quellenlage ermitteln lassen. Auch gängige Narrative im Unternehmen werden hinterfragt und möglichst mit Quellen verifiziert oder verworfen.

Infografik Kernfragen der NS-Forschung
© GUG eV

Warum ist es wichtig, die Unternehmensgeschichte im NS wissenschaftlich aufzuarbeiten?

Viele Unternehmen haben erkannt, dass seriöse NS-Forschung nicht mit journalistischen Darstellungen oder persönlichen Erinnerungen vergleichbar ist. Um die Rolle eines Unternehmens im Nationalsozialismus tiefgehend und verlässlich aufzuarbeiten, braucht es fundierte Methoden, qualifizierte Historiker:innen und Zugang zu aussagekräftigen Quellen. Dazu gehören aber auch Zeit, finanzielle Ressourcen und eine tiefe Kenntnis des aktuellen Forschungsstands.

Unternehmens- und Wirtschaftshistoriker können historische Unterlagen einordnen, wirtschaftliche Zusammenhänge verstehen und rechtliche Strukturen analysieren. Außerdem ordnen sie die Erkenntnisse, die zu einzelnen Unternehmen gewonnen wurden, in größere wirtschaftliche Zusammenhänge ein. Damit tragen sie zu einem Erkenntnisgewinn bei, der über das einzelne Unternehmen hinausgeht und oft auch Rückschlüsse für die Geschichte der Branche oder der Region zulässt. Erst diese Kombination ermöglicht eine seriöse und belastbare Aufarbeitung – das gilt besonders für die Erforschung der NS-Zeit.
Wer ein Unternehmen historisch untersucht, muss Bilanzen lesen, wirtschaftliche Entscheidungen nachvollziehen und juristische Rahmenbedingungen verstehen. Ohne dieses Wissen bleibt die Analyse unvollständig – und kann dem Anspruch einer verantwortungsvollen historischen Aufarbeitung nicht gerecht werden.

Für die Zeit des Nationalsozialismus wird die ohnehin schon relativ hohe Anforderung an Unternehmenshistoriker:innen noch höher, denn hier gilt es die Besonderheiten einer Diktatur, die schier unzähligen Rechtsvorschriften einer wachsenden, immer stärker ins Wirtschaftssystem eingreifenden NS-Bürokratie, sowie die Funktionsweisen der NS-Kriegswirtschaft zu kennen. Ohne dieses Hintergrundwissen – und dies ist nur eine kleine Auswahl – lassen sich die Ergebnisse von Studien und Rechercheergebnisse nicht fundiert bewerten und einordnen. Daher ist die Heranziehung von ausgewiesenen tatsächlichen (und nicht erklärten) Expert:innen essenziell.

Wie garantiert die GUG wissenschaftliche Unabhängigkeit und seriöse Forschung?

Auch wenn viele Forschungsprojekte von Unternehmen selbst angestoßen werden, entstehen die inhaltlichen Konzepte immer bei der GUG. Die Untersuchungen folgen strengen wissenschaftlichen Standards und ihre Ergebnisse werden in Fachkreisen diskutiert, etwa in Rezensionen oder auf Tagungen. So tragen die Projekte aktiv zum wissenschaftlichen Diskurs bei.
Die GUG arbeitet seit Jahrzehnten als verlässlicher Partner für Unternehmen und ist zugleich fest in der Forschung verankert. Ein zentraler Grundsatz lautet: Forschungsergebnisse werden zwar zuerst dem beauftragenden Unternehmen vorgestellt, doch Eingriffe in die wissenschaftliche Arbeit oder in die Veröffentlichung sind vertraglich ausgeschlossen. Die Unabhängigkeit der Forschung bleibt jederzeit gewahrt.
Auf Basis dieser wissenschaftlich gesicherten Erkenntnisse können Unternehmen anschließend vielfältige Kommunikationsmaßnahmen entwickeln. Grundlage bleibt jedoch immer das faktenbasierte Wissen, das die GUG unabhängig erhebt.

Wie viele Unternehmen haben bereits ihre NS-Geschichte aufarbeiten lassen?

Der Kreis deutscher Unternehmen, die sich aktiv ihrer NS-Vergangenheit stellen, ist noch überraschend klein. Die GUG hat im Jahr 2024 im Rahmen einer Studie geprüft, wie sich 1.250 deutsche Unternehmen, die älter als 100 Jahre sind, mit ihrer NS-Geschichte beschäftigen.
80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ist das ernüchternde Ergebnis:

  • Nur acht Prozent der untersuchten Unternehmen haben ihre NS-Geschichte von Historikerinnen und Historikern wissenschaftlich untersuchen lassen.
  • Bei weiteren zehn Prozent ist die NS-Geschichte mittels eines vertieften Kapitels in einer Gesamtdarstellung der Unternehmensgeschichte aufbereitet.
  • 57 Prozent der untersuchten Unternehmen erwähnen auf ihrer Internetseite die Zeit zwischen 1933 und 1945 – aber zumeist nur sehr kurz und ohne Verweise auf weitere Informationen und Hintergründe.

Zum Nachlesen
Die gesamte Studie „Verantwortung gegenüber der eigenen Geschichte. Eine Bestandsaufnahme der Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit deutscher Unternehmen“ von Andrea Schneider-Braunberger und Philipp Meder können Sie hier nachlesen:

Studie Verantwortung gegenüber der eigenen Geschichte. Eine Bestandsaufnahme der Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit deutscher Unternehmen

Wie können die Forschungsergebnisse präsentiert werden?

Ein offener, transparenter Umgang mit der NS-Geschichte wird von deutschen Unternehmen mittlerweile von weiten Teilen der Öffentlichkeit, aber auch von den Beschäftigten oder Bewerber:innen erwartet. Im Folgenden werden Möglichkeiten vorgestellt, Studienergebnisse und Erkenntnisse aus der NS-Aufarbeitung zugänglich zu machen.

Publikation

Ein erster wichtiger Schritt ist die Veröffentlichung der wissenschaftlichen Forschungsergebnisse. Eine Veröffentlichung meint dabei ein Buch, das in einem Fach- oder Publikumsverlag erscheint, eine ISBN-Nummer erhält und so ins Verzeichnis der lieferbaren Bücher der Deutschen Nationalbibliothek aufgenommen wird.

Wer eine Studie nur auf die eigene Webseite stellt, veröffentlicht sie nicht im wissenschaftlichen und publizistischen Sinne – denn von dort könnte sie theoretisch auch wieder entfernt werden. Die Verankerung über die Webseiten von langlebigen Institutionen wie der Deutschen Nationalbibliothek oder Forschungseinrichtungen wie der GUG oder ähnlicher Institute sorgt dagegen dafür, dass die Erkenntnisse einer Studie in den wissenschaftlichen Diskurs eingebracht und dauerhaft erhalten werden und der wissenschaftlichen Kritik durch Rezensionen zugänglich bleiben.

Für das Einbinden auf einer Webseite eignen sich eher Gutachten oder sehr kurze Studien, die aufgrund fehlender Quellen nicht als Monografie oder aufgrund fehlender wissenschaftlicher Fragestellung und Relevanz nicht als Aufsatz erscheinen können.

Wichtig ist: Gutachten sind nicht mit Aufarbeitung gleichzusetzen. Gutachten können einzelne Aspekte behandeln und dabei darauf hinweisen, warum lediglich diese Aspekte benannt werden.
Aufarbeitung hingegen meint eine umfassende Darstellung der Geschichte unter Hinzuziehung aller dafür nötigen Quellen und die Einordnung dieser in den aktuellen Forschungsstand.

Webseite, Workshops, Ausstellungen und mehr

Auf der fundierten Basis der wissenschaftlichen Studie können weitere Kommunikationsmaßnahmen erarbeitet werden, die sich sowohl an die interessierte Öffentlichkeit als auch an die Beschäftigten oder weitere Stakeholder richten.
Dazu gehören etwa Kurzfassungen der Forschungsergebnisse auf der Unternehmens-Webseite, als Flyer, Broschüren oder Ausstellungsformate. Workshops für Führungskräfte, Auszubildende und sonstige Mitarbeitende, Vorträge und Aufzeichnungen für bestehende wie neue Beschäftigte sind ebenfalls ein bewährtes Mittel, um verantwortungsbewusst mit den Forschungsergebnissen zur NS-Zeit umzugehen.

Öffentliche Präsentation

Viele Unternehmen stellen die Ergebnisse der NS-Aufarbeitung im Rahmen einer öffentlichen Buchpräsentation vor. Typischerweise erläutern die Autor:innen dabei die wichtigsten Erkenntnisse aus ihrer Forschung zur Rolle des Unternehmens im Nationalsozialismus, um diese mit dem Publikum zu diskutieren. Eine Videoaufzeichnung dient nicht nur der eigenen Dokumentation, sondern macht die Ergebnisse auch langfristig für Interessierte verfügbar und ist daher eine denkbare Ergänzung.
Alle Informationen zu Buchpräsentationen und Historischen Tagungen zu Aufarbeitungsprojekten der GUG finden Sie im Bereich "Sonderveranstaltungen".

Einige Beispiele für Buchpräsentation und Vorträge mit NS-Bezug können Sie hier direkt als Video anschauen.


Buchvorstellung und wissenschaftliches Symposium: „Die wunderbare Welt von Hermann Tietz. Warenhaus und Massenkonsum in Deutschland in der Moderne“

Das Forschungsprojekt bettete die Entwicklung des Warenhauses Hertie von seiner Gründung 1882 bis zu seinem Verkauf 1994 in die deutsche Konsumgeschichte ein und thematisierte dabei auch die Zeit des Nationalsozialismus. Die Autoren Werner Plumpe und Ralf Banken präsentierten das fertige Buch am 6. März 2026 im Historischen Museum Frankfurt. Für Fachwissenschaftler:innen fand ergänzend am nächsten Tag das wissenschaftliche Symposium “The European Department Store in the 20th Century: Perspective from Business and Consumer History” statt.


Buchvorstellung und Historische Tagung: "Die Süddeutsche Zucker-AG im Nationalsozialismus. Zuckererzeugung, Nazifizierung, Zwangsarbeit, Kontinuität“
Im Vorfeld seines 100-jährigen Bestehens ließ die Südzucker AG die Geschichte ihres Unternehmens im Nationalsozialismus von Manfred Grieger aufarbeiten. Erste Ergebnisse des Projektes wurden bei einer Historischen Tagung im September 2024 öffentlich diskutiert, das fertige Buch am 25. September 2025 in Mannheim präsentiert.


Öffentlicher Vortrag: „Das Bankhaus Metzler im Nationalsozialismus“

Für ihr Forschungsprojekt zur Entwicklung des Frankfurter Bankhauses Metzler während der Zeit des Nationalsozialismus untersuchte Andrea H. Schneider-Braunberger anhand umfangreicher, bisher unbekannter Quellen die politische Haltung der Eigentümerfamilie und prüfte, welche Rolle diese im Zusammenhang mit der Arisierung jüdischer Banken spielte. Ihre Ergebnisse stellte sie bei einem öffentlichen Vortrag am 10. April 2024 im Historischen Museum Frankfurt vor.


Buchvorstellung und Historische Tagung: „Expansion um jeden Preis - Studien zur Wintershall AG. Zwischen Krise und Krieg, 1929-1945“

Anlässlich des 125-jährigen Bestehens des Unternehmens wurde die Geschichte der Wintershall AG im Nationalsozialismus von Manfred Grieger, Rainer Karlsch und Ingo Köhler wissenschaftlich aufgearbeitet. Die Forscher stellten ihre ersten Ergebnisse 2019 bei einer Historischen Tagung zur öffentlichen Diskussion. Das fertige Buch wurde im Oktober 2020 vorgestellt – da während Corona-Pandemie nur wenig Gäste vor Ort sein durften, wurde die Veranstaltung gestreamt und aufgezeichnet.

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