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Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 28. Juni 2004

In Ermangelung eigener Kolonien hing der wirtschaftliche Erfolg deutscher Kaufleute im achtzehnten Jahrhundert in beträchtlichem Maße vom Außenhandel und guten kommerziellen Beziehungen mit den westlichen Nachbarn ab. In Bordeaux und Cádiz, den wichtigsten französischen beziehungsweise spanischen Häfen für den kolonialen Transatlantikhandel, existierten bedeutende deutsche Kaufmannskolonien. Wie Klaus Weber auf breiter Quellengrundlage nachzeichnet, stammten die dort ansässigen Kaufleute aber keineswegs - wie bislang angenommen - mehrheitlich aus Hamburg, sondern aus protoindustriell geprägten Regionen des tiefen Hinterlandes: aus Westfalen, dem Rheinland, dem Schwarzwald, den bayerischen und Tiroler Alpen und nicht zuletzt aus Böhmen. Hamburg war jedoch zentraler Knotenpunkt, über den die atlantischen Absatz- und Bezugsgebiete mit den Märkten und Gewerberegionen des Landesinneren verbunden waren.
Bisher fehlte es an substantiellen Studien, welche die enge Verflechtung der Wirtschaft deutscher Länder mit den Kolonialökonomien Frankreichs und Spaniens thematisierten. Hier vermag Weber eine empfindliche Lücke zu schließen. In seiner bahnbrechenden Untersuchung der deutschen Kaufmannsfamilien im atlantischen Raum schlägt der Autor einen weiten Bogen, der von den Manufaktur- und Verlagsunternehmen in Böhmen, Sachsen und Westfalen über Hamburg, Bordeaux und Cádiz bis in die Neue Welt reicht. Dabei verknüpft er historiographisch das Feld der Proto-Industrie mit jüngeren Ansätzen der vor allem in den Vereinigten Staaten wieder neu entdeckten "Atlantic History", die den (nord-)atlantischen Raum auf wirtschaftlicher, politischer und kultureller Ebene als Einheit auffaßt. Hier hätte man sich allerdings etwas differenziertere Ausführungen über das Konzept der atlantischen Geschichte gewünscht, wie überhaupt die theoretischen und konzeptionellen Ausführungen des Autors blaß bleiben.
Empirisch vermag der Band hingegen voll zu überzeugen. Das Kernstück bilden prosopographische Untersuchungen zur Hamburger Kaufmannschaft, die Weber für Cádiz und Bordeaux nahezu lückenlos erfaßt. Als besonders aufschlußreiche Quellengruppe erweisen sich die Testamente der in den beiden Atlantikhäfen ansässigen deutschen Handeltreibenden. Nicht zuletzt mit Hilfe dieser Dokumente läßt sich etwa die Familienherkunft der einzelnen Kaufmannsfamilien sehr gut ermitteln. Besondere Beachtung verdient Webers Analyse der familiären und geschäftlichen Netzwerke. Er zeigt anschaulich die große Bedeutung verwandtschaftlicher Beziehungen wie etwa die Einbindung von Neffen und Schwiegersöhnen, die geschäftliche Mitverantwortung von Frauen und den Wert von Eheallianzen mit einheimischen Familien und Firmen.
Insbesondere in Bordeaux beeinflußte weniger die Nationalität als vielmehr die konfessionelle Zugehörigkeit die soziale Integration von Ausländern. Die hugenottische Minderheit Südwestfrankreichs, die in dieser Stadt besonders unter Kaufleuten und Reedern besonders stark war, erleichterte die soziale Integration der großenteils protestantischen Deutschen. Deren erfolgreiche Vertreter, schreibt Weber, verbanden sich bereits früh über Eheschließungen mit einheimischen calvinistischen Unternehmerfamilien, die im Kolonialwaren- und Sklavenhandel reüssiert hatten. Im katholischen Cádiz dagegen erleichterte erst gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts eine zunehmende religiöse Toleranz die gemischtkonfessionelle Heirat.
Bei vielen der von Weber untersuchten Familien wird es bereits in der zweiten Generation schwierig, die Nationalität zu definieren. Die geschäftlichen und verwandtschaftlichen Verflechtungen zwischen den verschiedenen nationalen Kolonien bewirkten, dass die erfolgreichsten Kaufmannsfamilien in Bordeaux wie in Cádiz in einer national nicht mehr bestimmbaren, kosmopolitischen Gruppe aufgingen. Mit dem Verlust des größten Teils der spanischen und französischen Kolonien verlor diese Gruppe zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts rasch ihre einstige Stellung. Die unabhängigen Republiken in der Neuen Welt bevorzugten den direkten Handel. Neue große hanseatische Überseereedereien und Geschäftsbanken entstanden. Diese Entwicklung wurde jedoch nicht von den alten, unter den Bedingungen des Ancien Régime aufgestiegenen Familien getragen, sondern von Unternehmen neuen Typs. Und deren Verbindungen richteten sich fortan weniger nach Frankreich und Spanien, sondern vornehmlich nach England oder direkt nach Übersee.
ANDREAS ECKERT
Setzkasten
Quelle: Bertelsmann AG, Unternehmensarchiv

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Quelle: Bertelsmann AG, Unternehmensarchiv