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Veröffentlichungen in der Schriftenreihe der GUG

Rezension zu Band 11: Olaf Mertelsmann, Zwischen Krieg, Revolution und Inflation. Die Werft Blohm & Voss 1914 - 1923, C.H. Beck Verlag, München, 2003, 272 S., Euro 44,90.
Financial Times Deutschland vom 24. Februar 2004

Die Werft und der Staat
Von Harald Loch

Als der Erste Weltkrieg begann, musste die größte private Werft Deutschlands sich umstellen: Kriegs- statt Handelsschiffe sollten bei Blohm & Voss vom Stapel laufen. Einziger Auftraggeber: der Staat. Und der will nicht hören von Materialknappheit, von Ernährungsnotstand, von Werftarbeitern im Soldatenrock und angelernten Frauen und unwilligen Kriegsgefangenen als Ersatz. Schließlich galt es einen Krieg zu gewinnen. Und die Marine war entscheidend, davon war Kaiser Wilhelm II. überzeugt. Olaf Mertelsmann zeigt, wie die Werftgründer Hermann Blohm und Ernst Voss mit einem kleinen Kreis von leitenden Mitarbeitern und Beratern, zu denen der Hausbankier Max M. Warburg zählte, die Herausforderungen meisterten. Im Geschäftsjahr 1918/19 stieg die Kapitalrendite auf 17,4 Prozent. Erfreulich für den größten Arbeitgeber in Hamburg, dem es vor dem Krieg wegen der leistungsfähigeren englischen Konkurrenz nicht glänzend gegangen war. Nach dem Krieg gab es neue Probleme: Wie sollten die fast verdoppelten Kapazitäten der Werft genutzt werden? Der Staat sprang ein. Die Demobilisierung überstand das Unternehmen gut. Der Personal wurde in diesen Jahren geführt mit einer Mischung aus patriarchalischer und moderner Elementen. Nach wie vor wurde 54 Stunden pro Woche gearbeitet, mit Überstunden wurden es bis zu 64 Stunden. Die Löhne lagen über den Durchschnitt, und doch reichten sie kaum aus. In den ersten Jahren der Weimarer Republik lebte die Werft von staatlich subventionierten Aufträgen. Die durch den Krieg und den Versailler Vertrag verlorene Handelsflotte musste wieder aufgebaut werden. Außerdem gelang es der Werft, im Ausland Neubau- und Reparaturaufträge für Kriegsschiffe hereinzunehmen. 1922 lieferten die deutschen Werften soviel Schiffsraum ab wie nie zuvor. Blohm & Voss, im Sinne hanseatischer Kaufleute, betrieb eine konservative Bilanzpolitik und hatte hohe Abschreibungen auf das veraltende Anlagevermögen vorgenommen. Die Gewinne schrumpften deutlich. Ums Überleben kämpfen musste Blohm & Voss nicht, auch wenn die Werft zu groß war. Aber sowohl die Schwerindustrie als auch die Reeder und der Staat hatten ein Interesse an einer eher zu großen Werftindustrie. Dieser verhängnisvolle Weg in staatlich subventionierte Überkapazitäten war 1924 längst noch nicht zu Ende. Acht Jahrzehnte später klingt das Thema leider noch immer vertraut. © 2004 Financial Times Deutschland
Setzkasten
Quelle: Bertelsmann AG, Unternehmensarchiv

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Quelle: Bertelsmann AG, Unternehmensarchiv